kritik: plastiquitäten (2002)

PLASTIQUITÄTEN

Seit 2001 arbeitet Silvia Wille hauptsächlich mit Kunststoff, den sie teilweise mit anderen Materialien kombiniert. Das Material für ihre Werke besteht fast ausnahmslos aus Abfall, Altmaterialien oder Alltagsrelikten, also dem was wir als Zivilisationsmüll hinterlassen. Aus ihrem zweckgerichteten Verwertungsprozess ausgeschieden, werden Kunststoffgegenstände wie PET-Flaschen, Plastiktüten, Folien, Büromaterial oder auch Plastikbesteck durch die Künstlerin in fragile, transparente Fantasieplastiken, Objekte und Bilder verwandelt, die über ihre ästhetische Wirkung hinaus auf unterschiedliche Lebensbezüge wie Sprache, Kommunikation, digitale Welten, Industrie und Natur verweisen.

Unter ihren Händen entsteht dabei eine andere Wirklichkeit, eine Bildwelt voller Magie und verborgener Poesie des Trivialen. Silvia Wille setzt sich in ihren Arbeiten spielerisch-humorvoll aber auch kritisch mit dem Material Plastik auseinander, das für sie das Medium ist, die Probleme und Fragen unserer Zeit künstlerisch zu verarbeiten. In Werken wie "KaLeiDo", "Lost4Words" oder "CaJaMó" verarbeitet die Künstlerin überwiegend mit Buchstaben versehene Fragmente von Kunststofftragetaschen, in die auf unseren Shoppingtouren allenthalben die Objekte unserer Kauflust gepackt werden. In ein Metallgitter geknüpft entstehen dabei scheinbar sinnlose Buchstabenfolgen und Lautgedichte, die immer wieder zu neuerlicher Lektüre herausfordern und sich ihr gleichzeitig widersetzen.

Sie bieten einerseits ein Abbild unserer konsumorientierten Freizeitkultur, andererseits sind sie mit ihrem Buchstabenwirrwarr Ausdruck gesellschaftlicher Sprachlosigkeit und Kommunikationsstörung, der Unmöglichkeit, Gedanken und Erfahrungen mitzuteilen oder auszutauschen. In der Arbeit "PlastikSex" setzt sich die Künstlerin mit dem Thema der sexuellen Ausbeutung auseinander. In Noppenfolie geschweißte Telefonnummern, in der Regel 190er Nummern, die schon manch einem Nutzer solcher Dienste eine erregend hohe Telefonrechnung beschert haben, jede für sich in einer einzelnen Zelle gefangen und von der anderen isoliert, stehen für die Sehnsucht nach Liebe, ihre Unerreichbarkeit und die Vereinsamung des Einzelnen, aber auch für Lüge, (Selbst-)Betrug und Ausbeutung.

Erinnerungsschichten sind ein zentrales Thema in Werken wie "Memory", "Sealed", "Under The Blue Carpet", "Around&Around" oder auch "Nochmal", "23" oder "Säulen Grün". Erinnerungen und Gedanken werden im Unterbewusstsein gespeichert und für eine eventuelle spätere Nutzung bereit gehalten, ähnlich dem Speichern auf einer Diskette (wie bei "Memory" und "Around&Around"). Bisweilen beschäftigen sie uns ohne Unterlass, kreisen in unseren Köpfen, werden zurückgestellt, von anderen Gedankenströmen gestört oder unterbrochen, um zu einem späteren Zeitpunkt wieder aufgegriffen und fortgesponnen zu werden (z.B. bei "Sealed"); manchmal, vor allem wenn es unliebsame Erinnerungen sind, werden sie aber auch unter den Teppich des Vergessens gekehrt und durch bemühtes Stopfen undichter Stellen daran gehindert, wieder an die Oberfläche zu gelangen ("Under The Blue Carpet"). Positive Erlebnisse hingegen werden zu Projektionsflächen unserer Wünsche und Träume, zu Säulen der Sehnsucht (so in den Werken "Nochmal", "23" oder auch "Säulen Grün"). Stets sind sie jedoch ein Teil des psychischen Gepäcks, das wir mit uns tragen, wohin wir auch reisen ("Memory Bagage"). In Werken wie "Fine Orange", "Yello Thumble", "Hyperactive", "Sehnsuchtstasche" oder "Metal Tree" verbindet Silvia Wille Metalldraht und Folienschnipsel zu fragilen, zart gesponnenen Geflechten. Gerade in ihrer Zartheit und Nachgiebigkeit stellen diese Objekte für die Künstlerin Schutzpanzer für ihre Gefühls- und Gedankenwelt dar, kleine Fluchträume, in die sie sich vor der Kälte und den Bedrohungen der Außenwelt zurückziehen kann, in denen sie Geborgenheit und Sicherheit findet.

 

"Electric Plastic Garden", eine Lichtinstallation aus 9 Kunstrasensegmenten und 14 Kunstblumen, entführt uns in eine virtuelle Gartenlandschaft. Industriell gefertigte Leuchtkörper, deren Kabel als Wurzeln und Stämme zu lesen sind, wurden von der Künstlerin mit digital erstellten Fotografien versehen. Die in den Blumen gezeigten Fotografien variieren die Erscheinungsformen des Begriffes "Kunst" und erhalten ihre Blühkraft aus der Steckdose. In Anlehnung an das Blütenzupfspiel "Er liebt mich, er liebt mich nicht", stellt Silvia Wille eine der zentralen ästhetischen Fragen: "art" / "not art" und thematisiert den Gegensatz zwischen Kunst und Natur. Kann ein digital geschaffener Garten als Kunstwerk ebenso einmalig, besonders und vielfältig sein wie die Natur selbst? Für die Künstlerin bietet die Digitalisierung der Welt die Möglichkeit, Natur nach individuellen Bedürfnissen entstehen zu lassen.

 

Silvia Willes Arbeiten sind ebenso vielschichtig wie mehrdeutig interpretierbar. Die Titel, die zuweilen aus lautmalerischem Spiel mit Sprache entstehen oder eigene Wortschöpfungen der Künstlerin sind, bieten dem Betrachter zwar Anhaltspunkte, geben ihm aber auch Spielraum für immer neue, eigene Lesarten der Werke. Stets fordern die Werke eine intensive Auseinandersetzung, ohne die sich ihre vielfältigen Bedeutungsschichten nicht entdecken lassen. Das Wort "Plastiquitäten", eine Kombination der Begriffe Plastik und Antiquität, vereint in sich Attribute, die auf den ersten Blick unvereinbar erscheinen. Mit Antiquitäten assoziieren wir etwas seltenes, kostbares und altes. Plastik hingegen steht in erster Linie für die Kurzlebigkeit von Wegwerfprodukten und für Massenware. Dabei sind im Alltag die Übergänge vom Synonym für kurzlebig, billig und unecht, kalt und gefühllos zur fetischisierten Plastikwelt des Design fließend. Silvia Wille versucht mit ihren Plastiquitäten die Disparitäten der Begriffe zu überwinden. Sie verhilft ausgemusterten, weggeworfenen und entrechteten Kunststoffgegenständen durch die Wiederverwendung im Kunstwerk zu einer neuen Existenz, sie werden durch die Künstlerin rehabilitiert, ja nobilitiert. Wie ehemals antike Spolien werden sie zum Bestandteil von Kunstwerken. Damit gelingt es ihr, die Hierarchie der Substanzen zu durchbrechen. Was gestern noch Wegwerfprodukt war, ist heute veredelt, was heute noch neu ist, wird morgen schon alt sein. Silvia Willes Plastiquitäten sind Antiquitäten aus Plastik und antiquarische Plastiken zugleich.

 

Camilla Bonath-Voelkel

November 2002

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